Rivella, Chips und Cervelat

Rivella, Chips und Cervelat

Adri­ana ist das Som­merkind von Helen, Beat und Lin­da Müller aus Leng­nau. Zusam­men mit 17 anderen Kindern aus Leipzig und Umge­bung ver­bringt sie auf Ini­tia­tive des «Vere­ins Schweiz­er Gastel­tern» Ferien in der Schweiz. Eine beson­dere Beziehung auf Zeit. Adri­ana sitzt am Stuben­tisch. Mit einem ver­heis­sungsvollen Grin­sen auf den Stock­zäh­nen greift sie abwech­slungsweise in die Schale mit den «Kägi frets», dann wieder nach den Pommes Chips. Sie mag vor allem die scharf gewürzten Chips-Sorten, die sie von Zuhause her nicht ken­nt. Bekommt ihr Mundw­erk eine Essenspause, erzählt sie von der Woche im Tessin: Camp­ingfe­rien, direkt am See, geschmückt mit Wan­dern und Baden.

Endlich Ruhe

Adri­ana ver­bringt zum drit­ten Mal den Som­mer bei Helen, Beat und Lin­da Müller. Die sieben­jährige Lin­da resümiert: «Beim ersten Mal hat­te Adri­ana ganz lange Haare. Beim zweit­en Mal ganz kurze und jet­zt mit­tel­lange Haare.» Helen Müller: «Wir haben uns in den let­zten Jahren immer bess­er ken­nen­gel­ernt. Wir wis­sen nun, wer sie ist. Sie weiss, wer wir sind.» Adri­ana kommt gerne in die Schweiz, weil es ihr Zuhause nicht so gut geht. «Es ist immer so laut. Wir wohnen nahe ein­er Strasse», erk­lärt sie und erzählt von ihren fünf Geschwis­tern, dem Zwill­ings­brud­er und den vier «Kleinen», mit denen sie das Zim­mer teilt. Ihre Mut­ter ist allein­erziehend und so muss die Älteste tüchtig mitan­pack­en. Schlaflose Nächte ob den weinen­den Geschwis­terchen im Zim­mer ist Adri­ana gewohnt. Sie geht zwar gerne zur Schule, aber oft übernächtigt, was sich auf die Lern­leis­tung nieder­schlägt. Gefragt nach den Lieblings­fäch­ern meint sie: «Kun­st, Deutsch, Sachkunde, — und die Hof­pause.»

Krokodil und Vulkan

Bei Müllers hat Adri­ana ein eigenes Zim­mer. Sie geniesst es, abends vor dem Ein­schlafen ungestört in Kinder- und Sach­büch­ern schmök­ern zu kön­nen. Freud­e­strahlend holt sie das Foto­buch her­vor, das die grossen und kleinen Aben­teuer während ihrer Schweiz­er Ferien­wochen doku­men­tiert: Die Begeg­nung mit den Seep­fer­d­chen und dem Krokodil im Zoo. Das Bräteln zusam­men mit allen Kindern und Eltern des Vere­ins Schweiz­er Gastel­tern. Fam­i­lie Müller und Adri­ana beim Minigolf oder das Erleb­nis «1. August» mit den Höhen­feuern, Vulka­nen, ben­galis­chen Zünd­hölz­ern und Lam­pi­ons.

Bastelkind — Basteltante

Adri­ana bastelt gerne. «Vor allem mit Stoff. Ich kann sog­ar schon nähen. Zuhause male ich manch­mal, wenn die Kleinen endlich schlafen.» Bei Fam­i­lie Müller stapeln sich die Bastel­büch­er im Regal, Gast­mut­ter Helen beze­ich­net sich  als «Basteltante» und so schmück­en ver­schiedene kreative Erzeug­nisse der let­zten Jahre weit­ere Seit­en im Foto­buch. Helen Müller lachend: «Let­ztes Jahr mussten wir ihr einen zusät­zlichen Kof­fer mit­geben, damit sie alle selb­st­gemacht­en Geschenke mit nach Hause nehmen kon­nte.»

Kontrastprogramm

Helen Müller hat bere­its aus Kinderta­gen eine Verbindung zum The­ma Gastkinder: «Ins Dorf, wo ich aufgewach­sen bin, kam auch jedes Jahr ein Gastkind, mit dem ich mich stets gut ver­standen habe», erin­nert sich die Pflege­fach­frau. Vor ein paar Jahren wurde sie von Sil­via Müller vom Vere­in Schweiz­er Gastel­tern ange­sprochen und gemein­samen kamen Helen, Beat und Lin­da Müller zum Schluss, sich als Gast­fam­i­lie zu engagieren. «Mir geht es haupt­säch­lich um den sozialen Gedanken», sagt Beat Müller. Der 50-Jährige will Adri­ana das ganz nor­male Leben in der Schweiz zeigen: Wie er mor­gens in der Früh raus geht zur Arbeit als Finanz­plan­er bei ein­er Ver­sicherung; wie er über Mit­tag nach Hause kommt zum gemein­samen Essen; wie eine Fam­i­lie die Freizeit auch ohne Fernse­her gestal­ten kann. Das tönt banal, ist aber ein fast unvorstell­bares Kon­trast­pro­gramm zu Adri­anas son­stigem Leben. Wie anders die Neun­jährige aufwächst, weiss Fam­i­lie Müller nur bruch­stück­haft. So ver­mutet Helen Müller, dass Adri­ana nor­maler­weise recht unge­sund isst: «Sie ken­nt beispiel­sweise wed­er Früchte noch Gemüse.»

Wider das Erstarren

Der Gastel­ternein­satz ist nach Ansicht von Beat Müller in erster Lin­ie eine Pla­nungssache. Die vier Wochen, welche die deutschen Kinder aus sozial benachteiligten Ver­hält­nis­sen in der Schweiz ver­brin­gen, sollen sowohl struk­turi­ert, als auch mit ein­er Prise Ferienge­fühl gespickt sein. Helen Müller betont, dass man als Gastel­tern wenig Dankbarkeit erwarten kann. «Was wir machen, wird von den Fam­i­lien der Kinder nicht offen­sichtlich geschätzt», so die in der Pfar­rei und im Frauen­bund Engagierte. Deshalb sei es zen­tral, sich den völ­lig anderen Leben­sh­in­ter­grund der Gastkinder stets vor Augen zu hal­ten. «Für Adri­ana gibt es Zuhause kein ‚Nein’, hier schon. Seit zwei Tagen spricht sie es sog­ar aus.» Auch Entschei­dun­gen sind Adri­ana völ­lig fremd. «Das äussert sich dann im völ­li­gen Erstar­ren ob unser­er mit Möglichkeit­en über­frachteten Welt», beobachtet Helen Müller.

Funkstille

Adri­ana schüt­telt den Kopf. «Ich habe kein Heimweh.» Das Handy blieb eben­falls Zuhause, weil es eh kaputt ist. «Let­ztes Jahr doku­men­tierte ich unsere Erleb­nisse und schick­te ihrer Fam­i­lie entsprechende Kurz­nachricht­en», erin­nert sich Helen Müller. «Das kam bei ihrer Mut­ter gar nicht gut an», verur­sachte wohl Eifer­sucht, ver­mutet die Gast­mut­ter. Darum meldete die 50-Jährige dieses Jahr nur noch Adri­anas Ankun­ft in der Schweiz und lässt den Aus­tausch nun ruhen.

Tschüss Alte

Der Tape­ten­wech­sel Leipzig-Leng­nau muss für Adri­ana anspruchsvoll sein. Doch mit­tler­weile ist sie geübt. Laut Helen Müller macht sich die Umstel­lung vor allem im sprach­lichen Aus­druck bemerk­bar. «Während etwa zwei Tagen schal­tet sie inner­lich um und wech­selt von ihrem gewohn­ten Slang auf eine nor­male Aus­druck­sweise, beziehungsweise umgekehrt. So kommt es dur­chaus vor, dass sie mich in den let­zten Tagen vor der Abreise ‚Alte’ nen­nt, wie sie es sich von Zuhause gewohnt ist.»

Was lange währt

Ob Adri­ana näch­stes Jahr wieder zu Müllers in die Som­mer­fe­rien kommt, ist noch offen. Helen, Beat und ins­beson­dere ihre Tochter Lin­da wür­den sich wiederum sehr freuen über die span­nende Spiel­ge­fährtin. Falls es nicht Adri­ana ist, kön­nen sie sich auch vorstellen, ein neues Som­merkind bei sich aufzunehmen. Die Erfahrung zeigt, dass die Gastel­tern-Gastkind-Beziehung zwar dur­chaus her­aus­fordernd, aber meis­tens langjährig ist.

Schweiz pur

Adri­ana lüm­melt mit Lin­da auf dem roten Led­er­so­fa herum und blät­tert nach­den­klich das Foto­buch vor und zurück. Lin­da zeigt ein Kissen, bedruckt mit einem Foto der bei­den Mäd­chen, das let­ztes Jahr ent­standen ist. Ein Besuch im Ope­nair-Kino, in einem The­ater und T‑Shirts-Basteln ste­ht dieses Jahr noch auf dem Pro­gramm. Und natür­lich ganz viel Riv­el­la rot-Trinken, Cerve­lats und würzige Chips essen. Schweizfe­rien pur für Som­merkind Adri­ana.

 

Verein Schweizer Gasteltern: Perspektiven vermitteln

Der Vere­in Schweiz­er Gastel­tern organ­isiert Ferien­plätze für sozial benachteiligte Kinder aus dem Raum Leipzig. Die Aktion wird jew­eils in den Som­mer­fe­rien durchge­führt und dauert vier Wochen. Der Vere­in prüft und instru­iert die Gast­fam­i­lien, gleist den Trans­port der Kinder auf und betreut die Gastel­tern währen der Ferien­ak­tion. In der Regel sind die Kinder beim Erst­be­such zwis­chen sechs und neun Jahren alt und kom­men danach wieder, so lange sie wollen. Hei­di Dux, Mar­ket­ingfrau des Vere­ins Schweiz­er Gastel­tern: «Es ist unglaublich wichtig, dass wir Fam­i­lien und jungge­bliebene Pen­sionäre ansprechen, so dass wir vie­len Kindern in der Schweiz struk­turi­erte Ferien ver­mit­teln kön­nen.» Oder wie es ihr Som­merkind, das bere­its zum siebten Mal bei Fam­i­lie Dux weilt, aus­drückt: «Ihr hät­tet mich schon viel früher in die Ferien holen sollen.» Die Ver­mit­tlung der Gastkinder find­et in Zusam­me­nar­beit mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) statt. Sil­via Müller vom Vere­insvor­stand: «Das DRK unter­hält die Beziehung zu den Erziehungs­berechtigten der Gastkinder und macht auch die Abklärung vor Ort, ob es sich wirk­lich um sozial benachteiligte Kinder han­delt.» www.gasteltern.ch
Redaktion Lichtblick
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