Religionen verbinden und spalten Gesellschaften

Religionen verbinden und spalten Gesellschaften

  • Stiften Reli­gio­nen Frieden oder fachen sie Kon­flik­te an und wirken kriegstreibend?
  • Bei­des, sagt Johan­na Rah­n­er. Die The­olo­gin spricht über die Ten­denz, sich abzu­gren­zen, und die Gefahr, sich vere­in­nah­men zu lassen.
  • Das Inter­view mit Rah­n­er ent­stand im Rah­men der inter­re­ligiösen Pub­lika­tion «zVis­ite», die dieser Tage anlässlich der Woche der Reli­gio­nen als Beilage ver­schieden­er Schweiz­er Pfar­rblät­ter erscheint.

Johan­na Rah­n­er, ist Frieden trotz oder wegen Reli­gio­nen möglich?
Johan­na Rah­n­er: Bei­des! Reli­gio­nen tra­gen sowohl verbindende als auch spal­tende Ten­den­zen in sich. Ein­er­seits schafft Reli­gion eine starke Iden­titäts­bindung und gren­zt das Ich von den anderen ab. Gle­ichzeit­ig verpflichtet Reli­gion moralisch zu Offen­heit, Inklu­sion und Zuwen­dung gegenüber allen. Diese wider­sprüch­liche Dynamik steckt in allen Reli­gio­nen.

Johanna Rahner

Johan­na Rah­n­er (59) ist Pro­fes­sorin für Dog­matik, Dog­mengeschichte und Öku­menis­che The­olo­gie an der Uni­ver­sität Tübin­gen und damit die Nach­fol­gerin des The­olo­gen Hans Küng. Ihre Forschun­gen und Veröf­fentlichun­gen deck­en unter anderem das Ver­hält­nis von Reli­gion, Kul­tur, Bil­dung, Poli­tik und Gesellschaft sowie den Dia­log der Wel­tre­li­gio­nen in ein­er glob­al­isierten Welt ab.

Wann wirkt Reli­gion spal­tend oder kriegstreibend?
Wenn ein Mach­tanspruch über die Gottes­liebe gestellt wird und diese aushe­belt, führt das unweiger­lich zu Kon­flik­ten. Sieht man sich moralisch über­legen, gilt das Gle­ich­heit­side­al nicht mehr. Anderen wird ihre Würde abge­sprochen, sie wer­den her­abge­set­zt. Dieses soge­nan­nte «Oth­er­ing» macht Reli­gio­nen aggres­siv und destruk­tiv.

So kommt es dann zu Aus­sagen wie «Krieg gibt es bloss wegen dieser Scheiss-Reli­gion», wie sie im Film «Belfast» gemacht wer­den, der über den langjähri­gen Kon­flikt in Nordir­land erzählt.
Ja. Unsere Nation­al­ität, die Zuge­hörigkeit zu ein­er Volks­gruppe wird von aussen an uns herange­tra­gen. Bei der Reli­gion jedoch geht es vielmehr um eine «innere Iden­tität», um unsere intime Bindung zur Tran­szen­denz. Das macht Reli­gion leicht instru­men­tal­isier­bar und höchst manip­u­la­tiv. Sie lässt sich als Unter­schei­dungsmerk­mal und als Exk­lu­sion­s­marke miss­brauchen. Selb­st wenn ein Krieg nicht auf­grund von Reli­gion aus­gelöst wurde, wird er häu­fig religiös über­lagert. In Nordir­land besserte sich die Sit­u­a­tion, als sich bei­de Seit­en einan­der annäherten und merk­ten, dass sie religiös ähn­lich, aber poli­tisch unter­schiedlich ticken.[esf_wordpressimage id=40727 width=half float=left][/esf_wordpressimage]

Welchen Stel­len­wert hat Frieden in den Reli­gio­nen?
Alle Wel­tre­li­gio­nen ken­nen eine Heilsvorstel­lung, in der das friedliche Zusam­men­leben zen­tral ist. Ihnen sind grundle­gende Werte und Moralvorstel­lun­gen gemein­sam. Die «Gold­ene Regel», also die ethis­che Grun­dregel, nach der man sich seinen Mit­men­schen gegenüber so ver­hal­ten soll, wie man selb­st behan­delt wer­den möchte, find­et sich in allen religiösen Tra­di­tio­nen.

Kön­nte mehr inter­re­ligiös­es Bewusst­sein Krieg ver­mei­den?
Ja. Nehmen wir als Beispiel die katholis­che Kirche: Sie bew­ertet seit dem Zweit­en Vatikanis­chen Konzil 1965 nichtchristliche Reli­gio­nen pos­i­tiv, betont die gemein­same religiöse Würde und nimmt konkrete soziale, wirtschaftliche, ökol­o­gis­che und poli­tis­che Fra­gen der Welt auf. Damit set­zt sie die «Gold­ene Regel» qua­si als Massstab – als ethis­che Grund­lage für Gerechtigkeit und mil­itärischen Frieden

Was kön­nen Reli­gio­nen zum Frieden beitra­gen?
Reli­gion ist nicht exk­lu­siv. Das heisst, Gott ste­ht zu uns allen, sowohl als Indi­viduen als auch als Gemein­schaft. Diese soge­nan­nte Uni­ver­sal­beziehung Gottes muss an erster Stelle ste­hen. Reli­gio­nen kön­nen den Frieden durch ihr Reg­ulierungspoten­zial fördern. Eben­so bieten sie eine ethis­che Grund­lage für alle Bevölkerungss­chicht­en. Reli­gio­nen sind verpflichtet, Ver­strick­un­gen mit dem Säku­laren und Poli­tis­chen zu ver­mei­den. Sie soll­ten aufgek­lärt, acht­sam und sen­si­bel hin­schauen, um nicht instru­men­tal­isiert zu wer­den, sich nicht vere­in­nah­men zu lassen. Dazu ist eine grosse Por­tion Wider­stand­skraft nötig.

Interreligiöse Zeitung «zVisite»

«zVis­ite» ist eine Gemein­schaft­spro­duk­tion des Aar­gauer Pfar­rblatts Hor­i­zonte mit den evan­ge­lisch-reformierten Zeitun­gen «reformiert» und «Kirchen­bote», den römisch-katholis­chen Zeitun­gen «pfar­rblatt» Bern und «forum» Zürich, der Zeitung «Christkatholisch», dem jüdis­chen Wochen­magazins «tach­les» und Mit­gliedern der mus­lim­is­chen und hiduis­tis­chen Glaubens­ge­mein­schaften in der Schweiz. Der Titel ist Pro­gramm: «zVis­ite» geht zu Besuch und doku­men­tiert und disku­tiert inter­re­ligiös­es Zusam­men­leben. www.zvisite

Wie set­zen sich Reli­gio­nen aktiv für den Frieden ein?
Frieden unter den Reli­gio­nen und in der Welt ist ein Ide­al. Es ist aber auch eine Verpflich­tung, daran zu arbeit­en. Immer wieder ver­suchen Reli­gions­führer, aktiv Frieden zu schaf­fen. Der Dalai Lama etwa erre­icht die Men­schen mit seinen Friedens­botschaften. Auch die diplo­ma­tis­che Ver­mit­tlung des Pap­stes, zum Beispiel die von Johannes XXIII. während des Kalten Krieges, wurde und wird inter­na­tion­al anerkan­nt. Doch das funk­tion­iert nicht immer.

Wann zum Beispiel nicht?
Wenn es Abhängigkeit­en zwis­chen Staat und Reli­gion gibt. In der Naz­izeit beispiel­sweise spal­tete sich die evan­ge­lis­che Kirche in Deutsch­land in die «Deutschen Chris­ten», die Hitler zujubel­ten, und die «Beken­nende Kirche», die in den Wider­stand ging. Aktuell im Krieg Rus­s­lands gegen die Ukraine unter­stützt Patri­arch Kyrill I., der Vorste­her der rus­sisch-ortho­dox­en Kirche, nationale Inter­essen. Doch auch bei den Rus­sisch-Ortho­dox­en gibt es Ini­tia­tiv­en, die sich nicht mit der nationalen Ide­olo­gie der rus­sis­chen Welt iden­ti­fizieren und the­ol­o­gis­che Gründe dage­gen anbrin­gen.

Marie-Christine Andres Schürch
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