Die Seele ist nicht behindert

Nach Waschtem­per­atur sortieren. Mas­chine füllen, waschen, Mas­chine leeren, alles aufhän­gen. Kleine Stücke bügeln, grosse durch die «Man­gi», die Wäsche-Walze, rollen. Am Schluss die saubere Wäsche sorgfältig zusam­men­le­gen. Sil­via Senn for­muliert auch nach einem lan­gen Schul­t­ag noch präzise. Auf der Fach­stelle «Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung» erzählt sie zunächst von ihrem All­t­ag in der Wäscherei. Und dann berichtet sie über etwas, das nicht alltäglich ist.

Weiss­es Gewand
Wenn am 29. Juni 2014 der «Gottes­di­enst für dich und mich» in Wit­tnau feier­lich eröffnet wird, ste­hen auch die Min­is­tran­tinnen parat. Eine davon wird Sil­via Senn sein. Die 19-Jährige wohnt mit ihrer Fam­i­lie in Gansin­gen und absolviert die Aus­bil­dung zur Wäscherei-Exper­tin in der Stiftung für Men­schen mit Behin­derung im Frick­tal (MBF) in Stein. Sil­via Senn hat das Down-Syn­drom. Bevor sie ihre Lehrstelle antrat, besuchte sie die Heilpäd­a­gogis­che Schule (HPS) in Frick. Und sagte damals zu ihrer Reli­gion­slehrerin: «Ich würde schon gerne ein­mal so ein weiss­es Kleid anziehen.» Sil­via Senn meinte das Min­is­tran­teng­wändli. Die Kat­e­chetin Kit­ti Stef­fen, die Sil­via an der HPS unter­richtete, wusste eine Lösung. Sie hat­te zusam­men mit Gemein­deleit­er Christoph Küng den Gottes­di­enst für Men­schen mit und ohne Behin­derung in Wit­tnau ini­ti­iert und lud Sil­via Senn ein, dort zu min­istri­eren. Damit ging für das damals 14 Jahre alte Mäd­chen ein lange gehegter Wun­sch in Erfül­lung. «Ich wollte näm­lich schon min­istri­eren, seit ich zehn Jahre alt war», erin­nert sie sich.

Ganz konkrete Anfra­gen
Die Fach­stelle «Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung» ist ein Ange­bot der Römisch-Katholis­chen Kirche im Aar­gau. Sie unter­stützt ein­er­seits Men­schen mit Behin­derun­gen sowie deren Ange­hörige, ander­er­seits aber auch Insti­tu­tio­nen, Vere­ine und Pfar­reien. In den anderthalb Jahren, seit es die Fach­stelle gibt, läuft die Ver­net­zungsar­beit auf Hoch­touren. Stel­len­lei­t­erin Isabelle Deschler und Mitar­bei­t­erin Kit­ti Stef­fen suchen aktiv den Kon­takt zu Behin­derten-Organ­i­sa­tio­nen, Pfar­reien und Seel­sor­gen­den. Ab und zu erhält die Fach­stelle Anfra­gen wie: «Mein Kind hat eine Behin­derung. Wie und wo kann es den Reli­gion­sun­ter­richt besuchen und Erstkom­mu­nion feiern?»

Da gehöre ich dazu
Dass Kinder mit ein­er Behin­derung die Möglichkeit haben, im Reli­gion­sun­ter­richt dabei zu sein und zusam­men mit den anderen Kindern in der Pfar­rei Erstkom­mu­nion und Fir­mung zu feiern, ist Kit­ti Stef­fen und Isabelle Deschler ein gross­es Anliegen. Patentlö­sun­gen gibt es keine. «Ich mache jew­eils einen Eltern­abend um mit den Eltern zusam­men für jedes einzelne Kind eine passende Lösung zu suchen.», erk­lärt Kit­ti Stef­fen. Neben der organ­isatorischen Arbeit sei dieser Abend für die Anwe­senden auch eine wertvolle Gele­gen­heit, miteinan­der über ihre Sit­u­a­tion als Eltern eines behin­derten Kindes zu sprechen. Das tue vie­len ganz offen­sichtlich gut, betont die Kat­e­chetin. Möglichkeit­en, den religiösen Weg für Kinder mit Behin­derung zu gestal­ten, gibt es viele. Dabei geht es nicht darum, dass ein Kind möglichst viel Wis­sen mit­nimmt. Das Wichtig­ste ist in jedem Fall, find­et Kit­ti Stef­fen, dass ein Kind sagen kann: «Hier gefällt es mir, da gehöre ich dazu.»

Offen kom­mu­nizieren
Isabelle Deschler spricht lieber von Inklu­sion statt Inte­gra­tion. Hin­ter den ver­schiede­nen Beze­ich­nun­gen steckt die Frage, wer sich wem anpasst. Was ist das ‚Andere’? «Wir wollen den Ver­ant­wortlichen in den Pfar­reien bewusst machen, dass die Anpas­sung gegen­seit­ig sein muss, und nicht die Men­schen mit Behin­derung die ganze Anpas­sungsleis­tung erbrin­gen müssen.», erk­lärt die The­olo­gin. Wenn unter 30 Kindern ein einziges mit Behin­derung ist, passt sich der Gottes­di­enst kaum diesem Kind an. Die Inte­gra­tion von behin­derten Kindern im Gottes­di­enst ist in Pfar­reien ein­fach­er, in denen sich die Gemeinde schon ein biss­chen gewohnt ist. «Bei uns in Wit­tnau ste­hen am Son­ntag jew­eils ein paar Kinder­wa­gen in der Kirche, ein weinen­des Kind bringt da die Gottes­di­en­st­be­such­er nicht so rasch aus der Fas­sung», meint Kit­ti Stef­fen. Wenn ein Gottes­di­enst zusam­men mit Men­schen mit Behin­derung gefeiert werde, sei es wichtig, dass man offen kom­mu­niziere und die Leute informiere, find­et Isabelle Deschler. Kit­ti Stef­fen betont: «In ein­er Gruppe von Kindern mit Behin­derung ist halt jedes noch aus­geprägter ein Einzelfall als in anderen Schulk­lassen.» Nie kann man im Voraus wis­sen, ob etwas funk­tion­iert, wir müssen Vieles ein­fach aus­pro­bieren. «Wir haben schon manchen Fehler gemacht – aber immer daraus gel­ernt», sagt Isabelle Deschler. Man darf ein­fach nie sagen: «Es klappt nicht, wir machen es nicht mehr.»

Ohne Scheu vor dem Mikro­fon
Sil­via Senn hat zum Glück schon immer dazuge­hört. Ihre Eltern sind in der Kirche ver­wurzelt, sie war schon als kleines Kind im Gottes­di­enst dabei. Die Erstkom­mu­nion und Fir­mung feierte sie an ihrem Wohnort Gansin­gen. Auf die Feier Ende Juni in Wit­tnau freut sich Sil­via Senn jew­eils sehr. Neben dem Min­is­tran­ten­di­enst trifft sie da näm­lich auch ihre ehe­ma­li­gen Schulkol­le­gen von der HPS. «Ausser­dem ist der Gottes­di­enst immer etwas Beson­deres, mit Musik und The­ater.», sagt sie. Lam­p­en­fieber vor dem Min­istri­eren habe sie nicht, betont sie. Auch die Für­bit­ten liest sie ohne Scheu vor dem Mikro­fon. Der beson­dere Gottes­di­enst in Wit­tnau find­et dieses Jahr zum neun­ten Mal statt. Kit­ti Stef­fen erin­nert sich, dass die Stiftung MBF am Anfang Bedenken gegenüber dem Gottes­di­enst äusserte. Aber schon die erste Feier stiess auf grosse Zus­tim­mung und sei­ther ist sie nicht mehr wegzu­denken. Kit­ti Stef­fen sagt: «Diese Feier hat eine Lücke gefüllt.»

Gesin­nungswan­del
Isabelle Deschler stellt fest, dass in den let­zten Jahren bei Behin­derten-Insti­tu­tio­nen ein Gesin­nungswan­del stattge­fun­den hat. Die sozialen Insti­tu­tio­nen wen­den sich der Kirche wieder zu, es herrscht ein gün­stiges Kli­ma, von dem die Fach­stelle Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung prof­i­tiert. «Deren Leit­bilder lesen sich heute an gewis­sen Stellen ähn­lich wie das­jenige unser­er Fach­stelle», find­et sie. Die Ver­ant­wortlichen hät­ten inzwis­chen gemerkt, dass bei der Kirche Leute arbeit­en, die sich mit Tod und Trauer ausken­nen und zum Beispiel bei einem Todes­fall in der Wohn­gruppe wertvolle Hil­fe anbi­eten. Denn geistig behin­derte Men­schen trauern vielle­icht anders, brauchen aber genau­so Unter­stützung und Rit­uale wie andere Trauernde. Kit­ti Stef­fen bringt es auf den Punkt: «Bei Men­schen mit Behin­derung ist ja nicht die Seele behin­dert.»

Der Zugang ist eingeschränkt
Lei­der ist der Zugang zu Ange­boten der Kirche für Men­schen, die in Wohn­heimen und anderen Insti­tu­tio­nen leben, häu­fig eingeschränkt. Wenn der Kirchen­chor etwa per Fly­er neue Mit­glieder sucht, fliegt dieser nicht bis zu den Men­schen mit Behin­derung. Obwohl es vielle­icht da dur­chaus begabte Sänger gäbe. Auch die Teil­nahme an ein­er Beerdi­gung, wenn zum Beispiel die Mut­ter eines Mit­be­wohn­ers stirbt oder ein Grabbe­such bei einem ver­stor­be­nen Kol­le­gen bleiben geistig behin­derten Men­schen häu­fig ver­wehrt. «Oft denkt man gar nicht an die Bedürfnisse der Leute in den Insti­tu­tio­nen.», weiss Kit­ti Stef­fen. Und weil die Men­schen in den Wohn­heimen immer älter wer­den, stellen sich ver­mehrt neue Schwierigkeit­en, etwa wenn Heim­be­wohn­er pen­sion­iert wer­den. Isabelle Deschler hält fest: «Unsere Fach­stelle set­zt sich mit vie­len solchen – eigentlich kleinen – Din­gen auseinan­der.» Und wie im Fall von Sil­via Senn find­et die Fach­stelle immer wieder Lösun­gen, die Men­schen einan­der näher brin­gen.  Marie-Chris­tine Andres

 

Zwei beson­dere Gottes­di­en­ste

Unter dem Mot­to «Voll Füür und Flamme» find­et am Son­ntag, 8. Juni 2014 um 14.30 Uhr der
kan­tonale öku­menis­che Pfin­gst­gottes­di­enst für Men­schen mit und ohne Behin­derung
in der Klosterkirche Königs­felden statt. Drei Wochen später, am Son­ntag, 29. Juni 2014 um 10 Uhr feiern Men­schen mit und ohne Behin­derung den «Gottes­di­enst für dich und mich» in der Kirche Wit­tnau.

 

 

 

 

 

 

 

Redaktion Lichtblick
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